Buchbeschreibung
20 Kurzerzählungen aus Montenegro und Umgebung, die das Leben der Bevölkerung und ihrer Kultur vor dem Hintergrund sorgfältig recherchierter historischer Umbrüche beschreiben. Unterhaltsam und leicht zu lesen, spannend, teilweise tragisch, teilweise witzig oder einfach nur unglaublich erzählen sie von Denkweisen und Motiven der Balkanbewohner und deren Beweggründen, auch einmal den legalen Weg zu verlassen.
Historiker werden in den Geschichten zahlreiche Parallelen und Beeinflussungen der Geschichte des Balkans und der Mitteleuropas entdecken. Philosophen werden die Frage nach Schuld und Unschuld thematisiert sehen. Soziologen werden vergleichbare gesellschaftliche Entwicklungen erkennen. Geographen werden sich über Beschreibungen eines Landes freuen, von denen der durchschnittliche Europäer gerade noch den Namen der Hauptstadt kennt. Letztlich aber: Literaturfreunde ohne solch wissenschaftliche Hintergründe werden ein packendes Buch genießen, das sie immer wieder gerne in die Hand nehmen werden.
2010 reiste Gerhard Blaboll anlässlich einer Literaturehrung durch Montenegro, um dort serbokroatische Übersetzungen seiner Texte vorzutragen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er nicht nur zahlreiche Parallelen zwischen Geschichte und Gesellschaft Montenegros und der mitteleuropäischer Länder, sondern auch im Verhalten der hier wie dort lebenden Menschen.
Eingerahmt von einer Einleitungsgeschichte und einer Abschlussgeschichte beschreiben achtzehn Kurzgeschichten Szenen aus dem Alltagsleben von Montenegrinern. Sie schildern Erlebnisse, Sorgen, Bedürfnisse und Verhalten von Menschen, während sich im Hintergrund gerade Weltgeschichte ereignet: Die Schlacht auf dem Amselfeld, die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Venezianern und Osmanen um die Vormachtstellung an der Adriaküste, die Gründung des Fürstentums Montenegro beim Berliner Kongress, der Balkankrieg, der Zerfall Jugoslawiens usw. Dass die letzte Geschichte zukunftsweisend im Jahr 2031 spielt und das Buch 2013 publiziert wurde, darf durchaus als Hommage an George Orwells 1984 verstanden werden, das bekanntlich 1948 entstanden ist.
Die leicht lesbaren Geschichten sind zwar für sich selbst jeweils unabhängig, aber inhaltlich und personell doch miteinander verwoben. Wie ein durchgehender roter Faden sind hinter den Szenen Motive von Menschen skizziert, die bewusst oder unbewusst den Schritt von der Unschuld zur Schuld gehen. Die Proponenten der Geschichten sind oder waren großteils real existent und beinahe durchgehend anonymisiert: Der gelangweilte Schüler, der eine Strafe absitzen muss; der liebende alte Mann, der seine Frau mit einem Hausumbau überraschen möchte; der LKW-Fahrer, der Schmuggelware transportiert und verhaftet wird; die Hotelbesitzerin, die zur Puffmutter wurde; der Priester, der Ikonen unterschlägt und verkauft; der venezianische Statthalter, der mit den Osmanen verhandelt; der serbische König, der wie Franz Ferdinand im offenen Wagen während eines Staatsbesuchs erschossen wird; die Frau, die bosnischen Flüchtlingen im Jugoslawien-Krieg hilft; der Mann, der den Kampf gegen sein versperrtes Fahrrad verliert – sie alle und noch viel mehr leben mitten unter uns oder haben tatsächlich existiert.
Da die Geschichten keine Kenntnis der Geschichte Montenegros voraussetzen und auch keine der Geographie dieses Landes, verdeutlicht eine Landkarte die Lage der Orte.
Für historisch, philosophisch oder geographisch interessierte Leser ist dieses Buch aufgrund der zahlreichen angedeuteten Details ein literarischer Leckerbissen. Für Liebhaber gehobener Belletristik beinhaltet es einfach eine stimmige Sammlung spannender Geschichten, die eines gemeinsam haben: Man kann in eine andere Welt eintauchen, sich darin verlieren und bekommt den Wunsch nach immer mehr dieser literarischen Kleinode.
Autorenbeschreibung
Geboren 1958 in Wien, begann Blaboll seinen beruflichen Weg als Feinmechaniker, bevor er sich zum Wirtschaftsjuristen und internationalen Manager entwickelte. Führungspositionen bei Konzernen wie der Österreichischen Post, der Centro Bank, der Bankgesellschaft Berlin, EMC und Hitachi führten ihn in viele Teile der Welt – und mitten hinein in unterschiedlichste Kulturen, Menschen und Lebensrealitäten. Parallel dazu absolvierte er berufsbegleitend die Matura sowie Studien in Jus, Betriebswirtschaft und Geschichte.
Ein einschneidender Unfall im Jahr 2006 wurde zum Wendepunkt: Blaboll entschied sich, jenem Teil seines Lebens künftig ganz zu folgen, der ihn seit seiner Jugend begleitet hatte – dem Schreiben. Aus dieser Entscheidung entstand eine bemerkenswerte kreative Laufbahn. Seither erschienen zahlreiche Bücher,von Kabarett und Humor über historische Erzählungen bis hin zu Romanen und Anthologiebeiträgen, durchwegs in renommierten Verlagen. Darüber hinaus stammen aus seiner Feder rund 25 CDs namhafter Interpreten sowie mehr als 400 Lieder für etwa 45 Musiker unterschiedlichster Stilrichtungen.
Von 2007 bis 2025 moderierte er insgesamt 411 einstündige Ausgaben der Radiosendung „Mit Künstlern auf du und du“ auf Ö1 Campus und weiteren Sendern. In der Reihe sprach er mit herausragenden Künstlerpersönlichkeiten mit Bezug zu Österreich und schuf intime, persönliche Begegnungen vor dem Mikrofon.
2012 ernannte ihn Wiens Bürgermeister Dr. Michael Häupl zum Wiener Stadtpoeten. Zahlreiche seiner Texte wurden ausgezeichnet, ebenso erhielt er mehrere Preise und Ehrungen für sein künstlerisches Schaffen. Seit 2024 wirkt er zudem als Gastprofessor in Belgrad, wo er zu Demokratie und Friedenspolitik lehrt.
Blaboll ist Mitglied unter anderem des Österreichischen P.E.N.-Clubs, des Österreichischen Schriftstellerverbands, der IG Autoren, der Literar Mechana, des Österreichischen Journalistenclubs, sowie der AKM. Seit 1984 ist er mit Marianne Blaboll, Wirtschaftspsychologin, verheiratet.
Sein Leitspruch lautet:
„Du hast keine Chance. Nütze sie!“
Rezensionen
Montenegrinische Geschichten - Die verlorene Unschuld:
Rezension
->Link- Quelle: Karl Riffert für profil am 12. August 2016
Rezension
->Link- Quelle: kunstSTOFF Nr. 18-Nov. 2014
Rezension
->Link- Quelle: Kurier, 5. Juni 2014, S. 25
Rezension
->Link- Quelle: Literarisches Österreich, 2014-2